Terroirverwurzelt wie seine Alvarinhos: Anselmo Mendes

Seine langlebigen Vinho Verdes zählen zu den Weißwein-Ikonen Portugals.

Sattgrün und feucht ist Portugals nördlichste, nach dem gleichnamigen Grenzfluss zu Spanien benannte Region Minho, eine sanfthügelige Landschaft. Dieser fruchtbare, geradezu üppige, in weiten Teilen von alten Steinterrassen gegliederte Garten, ist die Heimat des Vinho Verde, der hierzulande als leichter, prickelnder Sommerwein - gerne auch mit einer dezenten Süße - bekannt und in den Regalen vieler Supermärkte zu finden ist. Dass ein Vinho Verde mehr sein kann, gewissermaßen ein trockener, körperreicher, intensiv aromatischer und vielschichtiger Wein, ist in Portugal hinlänglich bekannt. Dafür haben einige namhafte Erzeuger bereits in den 1980er Jahren gesorgt. Anselmo Mendes zählte damals zu den Ersten, die das enorme Potenzial der Rebsorte Alvarinho für den „Wein aus der grünen Region“ erkannt hatten. Mit seiner Lieblingsrebsorte ist der bodenständige, umtriebige, überall mit anpackende Mendes ganz und gar verwachsen: „Ich habe sie bis ins kleinste Detail erforscht und verstanden. Damals wusste ich bereits, dass wir ihre Möglichkeiten viel besser nutzen können, als wir es ohnehin bereits taten“, betont er. Heute gilt Anselmo Mendes zwischen Minho und Algarve als Spitzenerzeuger; seine Weine werden Jahr für Jahr zu den Besten des Landes gekürt und auch auf internationaler Ebene hoch bewertet.

Alvarinho-Pionier auf beiden Seiten des großen Teiches

Schon von Kindesbeinen an spielte sich das Leben des aus einer Winzerfamilie stammenden Anselmo Mendes, zwischen Weinberg und Keller ab. Direkt nach den Studien der Agrarwirtschaft und der Önologie begann er 1987, Weißweine aus der Alvarinho-Traube an- und auszubauen. Dabei ging es ihm darum, ihren spezifischen Charakter herauszuarbeiten. Nach einem Jahrzehnt intensiven unermüdlichen Forschens und Experimentierens war es 1998 endlich so weit: Sein erster Wein, „Muros de Melgaço“, kam auf den Markt. Damals arbeitete er schon einige Jahre auch für andere Erzeuger. 15 Weingütern in Portugal und Brasilien steht er heute - ganz im Sinne eines „flying winemaker“ - noch als Berater zur Seite. Mendes: „Als ich erstmalig als Berater nach Brasilien reiste, entdeckte ich inmitten eines etwa 25 Hektar großen Weinbergs einen halben Hektar Alvarinho. Ich hätte dort eher andere portugiesische Rebsorten, wie etwa Touriga Nacional vermutet. Ich konnte es kaum glauben: Mein Alvarinho auf der anderen Seite des Ozeans in einem über 20 Jahre alten Weinberg! Aus diesen Trauben erzeugte ich den ersten reinsortigen Alvarinho Brasiliens.“

Mendes ist ganz Teil seiner Landschaft, tief verwurzelt, in seiner Heimat einer der Vordenker und Vorreiter des Terroir-Gedankens. Er kennt jeden Zentimeter seiner Erde, arbeitet die wesentlichen Elemente, jede Facette jeder einzelnen Lage heraus und vinifiziert alles separat. So kann jede Sorte und jede Parzelle am Höhepunkt ihrer Reife gelesen werden, was zur Qualitätsverbesserung beiträgt. „Je nach Rebgut und Stil des Weines entscheiden wir dann von Fall zu Fall, ob die Gärung in Holzbottichen oder in Stahltanks ablaufen soll.“

Anselmo Mendes besitzt eigene Weingärten in Monção und Melgaço, im Lima-Tal und am Douro (siehe Karte), andere wurden gepachtet und werden von ihm bewirtschaftet; einige Trauben werden auch zugekauft, was im Norden Portugals allgemein üblich ist. 2016 erwarb er weitere 70 Hektar. Davon sind bereits 25 Hektar bestockt; insgesamt sollen es in den nächsten zwei Jahren 45 Hektar Rebfläche werden. Die beträchtliche Investition war dem prosperierenden Unternehmen zu verdanken, aber auch der Einzigartigkeit des Ortes. „In dieser paradiesischen Landschaft kann man in einem 360° Panorama die Bergketten betrachten, die das Tal schützen und sofort erfassen, welch ungewöhnliche Gebiete Monção und Melgaço sind“, schwärmt Mendes. Raupen und Traktoren sind fast unentwegt im Einsatz und machen die überwucherten und verwilderten Parzellen rund um das alte Anwesen wieder urbar. Die Unterlage könnte nicht besser sein: karge Granitböden mit einer dünnen Humusschicht.

Die Weinberge werden mit nachhaltigen, die Umwelt schonenden Methoden bewirtschaftet, die Trauben von Hand gelesen und mithilfe von pneumatischen Pressen sanft gekeltert. Traditionelle Methoden bei der Weinbereitung, wie die Mazeration und die Gärung von Weißweinen in großen Holzbottichen, werden neben modernen Techniken, wie z.B. Edelstahltanks genutzt. „Wir spielen gerne mit den Temperaturen, probieren unterschiedliche Fässer aus und nutzen die Möglichkeiten der modernen Kellertechnik, um aus unseren Mosten die bestmöglichen Weine zu bereiten“, betont Mendes.

Von der Kunst, Wein zu machen

2016 wurden 600.000 Liter erzeugt. „Mit der Ernte 2016 sind wir sehr zufrieden: Es sind frische und gut ausbalancierte, vielschichtige Weine, die wir weltweit gut verkaufen werden. Die besten Jahrgänge waren bisher 2015, 2008, 2005 und 1995. Aber der Jahrgang 2015 ist einfach perfekt und für mich der Beste überhaupt“, schwärmt Anselmo. „Besonders freut mich, dass wir noch ausreichende Mengen Wein dieses herausragenden Jahres auf Lager haben.“

Anselmo Mendes hat für die Zukunft Großes vor: erst einmal will er Jahr für Jahr immer noch bessere Qualitäten erzeugen. „Das ist harte Arbeit und setzt ein ständiges Lernen voraus.“, so Mendes, der jedes Jahr 25 Mikrovinifikationen an 25 unterschiedlichen Orten der Region durchführt, um jede seiner Rebsorten, die Böden und das Mikroklima besser zu verstehen und unterschiedliche Ansätze für die Alvarinho-Erzeugung auszuprobieren. Langfristig will Mendes eine lebendige „Alvarinho-Bibliothek“, ins Leben rufen: „in der wir die ‘Königin der portugiesischen weißen Rebsorten‘ aus verschiedenen Herkunftsgebieten und Jahrgängen probieren und ihre Entwicklung verstehen können. Das ist meine Vision.“, erklärt er. Seine Leidenschaft für Alvarinho, Loureiro und Co teilt der dreifache Vater mit Tiago, seinem zweitältesten Sohn, der ihm bereits tatkräftig zur Seite steht und die Kunst des Weinmachens von der Pike auf lernt. Denn: „Wein zu erzeugen, beruht auf Fachwissen. Aber die Kunst besteht darin, es in einigen Details etwas anders zu machen.“ Anselmo Mendes.

Ein besonderes Mikroklima

Zuhause musste Mendes nicht lange suchen: Das bestmögliche Terroir lag direkt vor seiner Haustür, nahe der Kleinstadt Melgaço und dem benachbarten Monção. O-Ton Mendes: „Das Terroir fand mich und nicht umgekehrt.“ Das Gebiet der DOC Vinho Verde gleicht einem nach Westen exponierten Amphitheater, das die regenreichen atlantischen Westwinde einströmen lässt. Im Jahresdurchschnitt fallen hier 1.200 mm Regen bei 3.100 Sonnenstunden pro Jahr. Die Meeresbrisen verleihen den Weinen diese unnachahmliche Frische, die porphyrischen Granitböden in Melgaço und die vorwiegend von Kalkstein geprägten Böden in Monção ihren mineralischen Charakter. Die beiden im Nordosten der DOC Vinho Verde gelegenen Unterregionen Melgaço und Monção weisen ein ganz besonderes Mikroklima auf: Sie sind von Bergen umgeben, die sie von den atlantischen Regenwinden etwas abschirmen. Dieser Schutz führt zu höheren Reifegraden, die so wichtig sind, damit perfekt ausbalancierte Alvarinhos entstehen, ideale Voraussetzungen, um Spitzen-Weißweine zu erzeugen. Dort, im Minho-Tal, an der Grenze zur spanischen Weinbauregion Rias Baixas, baut Anselmo Mendes hauptsächlich diese Sorte an, die im spanischen Galicien „Albariño“ genannt wird. So fruchtig und intensiv die Albariños aus Spanien sind, so frisch, mineralisch und präzise strukturiert sind die Alvarinhos von Anselmo Mendes.

Vinho Verde: kein „grüner Wein“, sondern „eine grüne Region“

Mittlerweile erzeugt Mendes in drei Unterregionen der DOC Vinho Verde Weine aus drei Rebsorten, die entweder sortenrein vinifiziert oder miteinander verschnitten werden: Alvarinho am Minho, Loureiro im Lima-Tal, wo Anselmo Mendes rund 65 ha Rebfläche besitzt, und Avesso in der Unterregion Baião am Ufer des Douro. Alvarinho verleiht dem Wein Struktur und Körper, Loureiro intensive Aromen und Avesso Säure und Mineralität. Vinho Verde ist heute bekannt für seinen bestimmten Stil: kaltvergorene, leichte, frische und spritzige Weißweine mit geringem Alkoholgehalt. Mendes: „Wie einige meiner Mitstreiter, versuche ich mit meinen Weinen zu zeigen, dass es nicht um diesen Weintyp geht, sondern um eine großartige Weinbauregion, in der terroirtypische und langlebige Weißweine der Spitzenklasse erzeugt werden. Wir versuchen, die Region als eine der weltbesten Anbaugebiete für Weißweine zu etablieren“. In Portugal sind die Weine von Anselmo Mendes legendär, im Ausland sind sie hingegen noch ein Geheimtipp. Als Mendes einen fünf Jahre alten Loureiro für uns öffnete, waren wir erstaunt, wie frisch er noch war und welch grandiose Struktur er hatte. Diese Weine können viel mehr, als man ihnen zutraut und bieten dem Fachhandel und der Gastronomie durch ihr hervorragendes Preis-Genussverhältnis ungeahnte Möglichkeiten.

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