Trimbach – 400 Jahre
Anne Trimbach im Interview
Anne Trimbach ist globale Markenbotschafterin &
älteste Vertreterin der 13. Generation des Familienunternehmens
Vier Jahrhunderte, zwölf Generationen – gibt es eine Entscheidung eines Vorfahren, die Ihr heute noch täglich spürt, weil sie die Ausrichtung des Hauses bis heute prägt?
Eine Entscheidung prägt unser Handeln tatsächlich bis heute jeden einzelnen Tag: die Wahl, unabhängig und im Familienbesitz zu bleiben. Jede Generation hätte einen anderen Weg einschlagen können, aber alle haben sich dafür entschieden, die Weinberge, die Identität und die langfristige Vision der Familie zu schützen, anstatt auf kurzfristiges Wachstum zu setzen.
Eine weitere prägende Entscheidung war es, sich schon lange vor dem aktuellen Trend auf trockene, gastronomische Weine zu konzentrieren. In einer Zeit, in der süßere Stilistiken weiter verbreitet waren, war unsere Familie überzeugt, dass Reinheit, Balance und Terroir immer an erster Stelle stehen sollten. Diese Philosophie prägt auch heute noch jede einzelne Flasche, die wir abfüllen.
Frédéric Émile ist mit Blick auf unsere lange Geschichte mit Sicherheit die ikonischste Persönlichkeit unserer Familie. Er war nicht nur ein außergewöhnlicher Winzer, dessen Weine Ende des 19. Jahrhunderts ein herausragendes Ansehen genossen, sondern auch ein echter Visionär. Er gehörte zu den Begründern des Syndicat Viticole de Ribeauvillé – der lokalen Winzervereinigung, die bis heute existiert und die Weinbauern unseres Dorfes zusammenbringt.
Sein Glaube an gemeinschaftliches Handeln, Qualität und die Förderung unserer Region inspiriert uns nach wie vor. Erst im Juli dieses Jahres haben wir wieder an der Foire aux Vins de Ribeauvillé teilgenommen – ein traditionsreiches Fest, das die Gastronomie von Ribeauvillé, die regionalen Küchenchefs und die heimischen Weine zusammenbringt. Es ist eine wunderbare Erinnerung daran, dass der Geist des Teilens – unserer Weine, unseres Erbes, mit anderen – über all die Jahrhunderte genau derselbe geblieben ist.
Trotz aller Veränderungen: Welche Handschrift ist seit 1626 unverändert geblieben – und wie schmeckt man sie heute in einem Glas Trimbach?
Bei unseren Weinen ging es schon immer mehr um Präzision als um Kraft. Wir suchen nach Eleganz, Frische und einer reinen Frucht. Wir lassen den Weinberg für sich selbst sprechen – ganz ohne unnötige Eingriffe.
Wenn Sie ein Glas Trimbach Riesling probieren, erleben Sie eine lebendige Säure, eine bemerkenswerte Balance und einen sehr langen Nachhall. Diese Weine sind nie auf unmittelbare Gefälligkeit angelegt; sie sind dafür gemacht, würdevoll zu reifen und über die Zeit immer mehr Komplexität zu offenbaren. Diese feine Zurückhaltung ist seit Jahrhunderten unser Markenzeichen.
Zwölf Generationen bedeuten auch zwölf unterschiedliche Persönlichkeiten. Wie gelingt es, Tradition zu bewahren und gleichzeitig jeder Generation genügend Freiraum für eigene Entscheidungen zu geben?
Tradition bedeutet nicht, stumpf das zu wiederholen, was frühere Generationen getan haben. Es geht darum zu verstehen, warum sie bestimmte Entscheidungen getroffen haben.
Jede Generation erbt ein klares Wertefundament: Respekt vor unseren Terroirs, kompromisslose Qualität und Geduld. Innerhalb dieser Prinzipien hat jeder die Freiheit, sich einzubringen. Neue Ideen, neue Techniken und neue Perspektiven sind unerlässlich – aber sie müssen immer der Identität des Weinguts dienen, anstatt sie zu ersetzen.
Diese Balance zwischen Kontinuität und Evolution ist wahrscheinlich eine der größten Stärken eines Familienweinguts. Evolution ja, aber keine Revolution.
Elsässer Rieslinge stehen international häufig im Schatten ihrer deutschen oder österreichischen Pendants. Woran liegt das aus Eurer Sicht – und seht Ihr darin eher eine Herausforderung oder eine Chance?
Deutschland hat sich international ein außergewöhnliches Renommee für Riesling erarbeitet, und auch Österreich hat hervorragende Arbeit geleistet, seine Weine zu positionieren. Das Elsass hat seine Identität in der Kommunikation manchmal weniger konsequent vermittelt – was auch an der stilistischen Vielfalt innerhalb der Region liegt.
Für uns ist das jedoch weit mehr Chance als Frustration. Wenn Weinliebhaber den Elsässer Riesling erst einmal für sich entdecken, sind sie oft fasziniert von dieser Kombination aus Tiefe, Struktur und Frische. Was viele noch gar nicht wissen: Das Elsass besitzt eine der vielfältigsten geologischen Landschaften der Weinwelt, mit 13 Hauptbodenarten auf extrem kleinem Raum. Dieses außergewöhnliche Mosaik an Terroirs ermöglicht es uns, Rieslinge mit ganz eigenem Charakter und enormer Präzision zu keltern. Unsere Aufgabe ist es, weiterhin authentische Weine zu erzeugen, die diese Terroir-Vielfalt widerspiegeln, und den Menschen zu vermitteln, was das Elsass so einzigartig macht.
Der Klimawandel verändert das Elsass spürbar. Was bedeutet das für Rieslinge, die auf Frische und Säurestruktur angelegt sind – muss sich der Trimbach-Stil in den nächsten 5-10 Jahren verändern?
Der Klimawandel beeinflusst unsere Arbeit im Weinberg schon heute. Die Lesezeitpunkte haben sich verschoben, und wir passen unsere Weinbaupraktiken laufend an, um Frische und Balance zu bewahren.
Unser Ziel hat sich dadurch jedoch nicht verändert: Wir werden auch weiterhin Rieslinge voller Energie, Präzision und Reifepotenzial erzeugen. Balance war schon immer unser Leitmotiv. Mein Vater Pierre hat uns stets daran erinnert, dass Balance die Essenz eines großen Weins ist – und das bleibt einer der zentralen Werte unseres Weinguts.
Glücklicherweise geben uns unsere vielfältigen Lagen, die alten Reben und die akribische Arbeit im Weinberg viele Werkzeuge an die Hand, um diese Identität zu bewahren, selbst wenn sich das Klima wandelt. Anpassung ist essenziell, aber den Trimbach-Stil zu verändern, ist nicht unser Ziel. Ich freue mich auch sehr, dass Julien, der nun das nächste Kapitel unserer Familiengeschichte schreiben wird, genau dieselbe Überzeugung teilt. Für ihn wie für uns alle gilt: Die Identität von Trimbach zu bewahren und sich gleichzeitig mit Bedacht an die Zukunft anzupassen, ist der einzige Weg nach vorn.
Wenn Ihr Euch das Haus in weiteren 50 Jahren vorstellt – was soll dann noch exakt so sein wie heute, und was darf sich wandeln?
Ich hoffe, dass Trimbach auch in fünfzig Jahren noch ein unabhängiges Familienweingut ist, das Weine erzeugt, die ihre Herkunft ehrlich und präzise widerspiegeln.
Was sich verändern darf, sind die Methoden, mit denen wir dieses Ziel erreichen. Der Weinbau wird sich weiterentwickeln, Biodiversität und ökologische Bewirtschaftung werden noch wichtiger werden, und die Technologie wird uns helfen, unsere Weinberge noch besser zu verstehen. Aber der Zweck bleibt derselbe: Weine zu machen, die der Zeit trotzen und ihr Terroir treu zum Ausdruck bringen.
Wenn Ihr einem Weinliebhaber, der Trimbach noch nie getrunken hat, genau einen Wein aus Eurem Haus einschenken dürftet – welcher wäre es und warum?
Ich würde mich wahrscheinlich für unseren Riesling Réserve entscheiden. Der Frédéric Emile bleibt zwar unser Aushängeschild, aber der wäre dann vielleicht der nächste Schritt ; – )
Er bringt den Trimbach-Stil auf den Punkt: trocken, lebendig, präzise und ein wunderbarer Essensbegleiter. Er vereint Frische, Mineralität und ein bemerkenswertes Reifepotenzial, bleibt aber schon in jungen Jahren zugänglich. Es ist der Wein, der unsere Philosophie am klarsten vermittelt – und sehr oft der Beginn einer langen Freundschaft mit unserem Haus. Er stammt aus den wunderschönen Lieux-dits-Lagen von Ribeauvillé, die von Mergel und Kalkstein geprägt sind.
Fotos Olivier Wymann | www.heliaka.com