Ein Riesling-Haus zeigt seine wilde Seite.
400 Jahre Trimbach und keine Spur von Stillstand
1626, mitten im Chaos des Dreißigjährigen Krieges, gründet Jean Trimbach sein Haus im Elsass und trotzt damit einer Zeit, die alles andere als stabil war. Vierhundert Jahre später sitzt die jüngste Generation gemeinsam am Tisch und führt fort, was die Vorfahren begonnen haben: kompromisslose Klarheit statt Effekthascherei. Während andere Häuser auf Süße und Wucht setzten, blieb Trimbach stur beim Trockenen und Präzisen, denn Understatement zählte hier schon immer mehr als Show. Diese Sturheit zahlt sich aus, und gefeiert wird sie gerade erst mit der Auszeichnung Brand of the Year durch die Revue du Vin de France. Wer bei vierhundert Jahren Geschichte an Stillstand denkt, kennt Trimbach nicht – und sollte spätestens jetzt genauer hinschauen.
––– Clos Sainte Hune: der Wein, über den man nur flüstert –––
Genauer hinschauen lohnt sich vor allem bei einem Wein. Mitten im Grand Cru Rosacker liegt ein Fleckchen Erde, das Weinliebhaber weltweit verstummen lässt: der Clos Sainte Hune. Seit Generationen im Familienbesitz und mit einem Etikett, das sich seit 1919 nicht verändert hat, braucht dieser Riesling keine lauten Worte, denn er spricht für sich selbst. Wer sich eine der begehrten Flaschen sichern konnte, sollte sie nicht öffnen, sondern warten – sein volles Potenzial zeigt sich erst nach Jahren in der Flasche, manche sagen: erst nach Jahrzehnten.
Doch der Clos Sainte Hune steht nicht allein, denn auch die übrigen Grands Crus des Hauses haben Charakter:
- Geisberg – kompakt und mit ordentlich Nervenkitzel im Abgang.
- Schlossberg wächst auf reinem Granit – kühl und beinahe kristallin im Antrunk.
- Mandelberg zeigt die warme, zugängliche Seite des Hauses.
- Brand ist der Neuzugang mit der meisten Intensität.
Und mittendrin steht die Frédéric Emile, jene Cuvée, die zeigt, was passiert, wenn sich zwei Grand-Cru-Lagen zusammentun.
––– Zum ersten Mal enthüllt: der Marc de Clos Sainte Hune –––
Was mit diesen Trauben sonst noch möglich ist, zeigt sich erst jetzt, in einem Fund, der fünfzig Jahre lang verborgen blieb. Seit den 1970er-Jahren hütet Michel Windholtz, Meisterdestillateur in Ribeauvillé und der Familie durch Heirat verbunden, ein stilles Geheimnis: Aus den besten Clos-Sainte-Hune-Jahrgängen brannte er die Stiele der Trauben in seiner Kupferblase, und der daraus entstandene Marc reifte anschließend geduldig im Dunkel der Trimbach-Keller. Fünfzig Jahre lang reisten die Glasballons lautlos durch die Zeit, bis Michel Windholtz und Julien Trimbach sie kürzlich öffneten, ein Stück Geschichte verkosteten und die feinsten Eaux-de-Vie für eine Abfüllung auswählten, die sich nicht wiederholen wird.
Was dabei ins Glas kommt, ist ebenso vielschichtig wie die Geschichte dahinter: In der Nase zarte Zitrusnoten und Steinobst, im Hintergrund die mineralische Handschrift des Rieslings, während sich am Gaumen Spannung und Würze zu einer feinen Zitrusfrische verbinden.
Eine Eau-de-Vie, geboren aus einem großen Wein – ein Fragment von Clos Sainte Hune, das erst nach fünfzig Jahren Geduld sein Geheimnis preisgibt. Wer nicht so lange warten möchte, findet im Marc de Gewürztraminer dieselbe Handwerkskunst in einer zugänglicheren Flasche.
Vierhundert Jahre Zurückhaltung – und dann zeigt Trimbach doch noch eine überraschend hochprozentige Seite.