Asinone – König des Nobile

Acht Jahrgänge, vier Jahrzehnte, eine Lage

Wer über die Straße von Montepulciano nach Torrita di Siena fährt, sieht sie schon von Weitem: eine Kuppe, die sich wölbt wie der Rücken eines lastentragenden Grauviehs. Die Bauern nannten sie Asinone – der große Esel. Karger, tonhaltiger Boden, viel Wind, 380 bis 400 Meter Höhe. Rund zwölf Hektar, der Weinberg wurde 1961 bepflanzt. Genau hier wurzelt der Prugnolo Gentile, der Poliziano zum bedeutendsten Namen des Vino Nobile gemacht hat. 1983 wurde der erste Jahrgang dieser Sonderlage abgefüllt – damals noch als Riserva bezeichnet und heute eine gesuchte Rarität; 1985 folgte der Wein erstmalig mit der Bezeichnung des »Vigna Asinone«.

Unter den Klassikern der Toskana – dem Brunello, dem Chianti Classico und dem Nobile, sind die Weine aus Montepulciano bekannt dafür, dass sie die kraftvollsten Tannine, festeste Struktur haben. Der Prugnolo entwickelt hier geradezu mustergültige Noten von Veilchen und Süßholz.

Acht Gläser
Am 14. September begrüßte uns Francesco Carletti mit einem Glas des neuen 2025er eisgekühlten Rosato aus 100% Sangiovese. Ein seriöser Rosé, der seine Herkunft und den Anspruch des Weinguts untermauert. Gekommen waren alle ins Stivie‘s Cuisine in Köln, um zwei Flights der bekanntesten Lage des Montepulcianos zu erleben: Asinone. Erst 2022, 2020, 2016, 2012, dann 2010, 2004, 1995, 1993. Eine Bandbreite, die selbst im eigenen Haus noch nie nebeneinander in Gläsern stand. Francesco ist Enkel von Gründer Dino Carletti und führt das Weingut heute gemeinsam mit seiner Schwester Maria Stella (Keller & Weinberge) in dritter Generation unter strenger Aufsicht von Papa Dottore Federico Carletti. Mit den Weinen ab Jahrgang 2024 werden die Ideen der beiden zunehmend spürbar. Francesco führt weltoffen, charmant, in perfektem Englisch anschaulich durch die Verkostung und offenbart dabei die Entwicklungen der Jahrzehnte. Heute möchten die beiden Geschwister stärker die Frucht im Wein sprechen lassen – weniger Extraktion und Holz à la Bordelaise, dafür die Stärken des Sangiovese und der einzigartigen Lage an der wunderschönen Stadt in der Toskana.

Die Gegenwart – es wird heiß und trotzdem kühler

  • 2022 – großer Jahrgang, äußerst trinkanimierend, Blutorangenzesten, saftige Zwetschge, dunkle Beeren & Kirsche, Veilchen und ein Hauch Lakritz – die neue Leichtigkeit der Stilistik des Hauses dämmert am Horizont. Dicht und kraftvoll aber schwerelos – die Quadratur des Kreises.
  • 2020 – großer Jahrgang, dunkel, mineralisch, straff & vertikal, feine Gewürznoten, klare rote und schwarze Frucht, etwas Schwarztee, Bergamotte, Süßholz. Alles verwoben, wie aus einem Guss. Der Wein steht monolithisch da und wirft einen langen Schatten.


Die Ausnahmen – die Außergewöhnlichen

  • 2016 – blaue Blüten, wilde Beere, feinstes Leder, straff und dicht gewoben mit Lakritz und Orangenschale, langem Abgang und frischer Säure – ein großer Wein mit enormem Potential, vielleicht der langlebigste aller Asinone – absolut, charakterstark und ewig lang.
  • 2012 – Federico Carlettis persönlicher Favorit: ein Hauch flüchtige Säure erweckt Erinnerungen an große Vega Sicilia, Tondonia, Musar, alterslos, unberührt von der Zeit.


Die Vergangenheit – das Holz grüßt

  • 2010 – Ein großer Wein aus einem legendären Jahrgang. In der Stilistik der Zeit – wunderbar integrierte Barrique-Noten, kraftvolles Tannin, getragen von Frucht und Dichte gleichermaßen, alle Proportionen wunderbar balanciert – perfekt für sich oder zur Bistecca Fiorentina – mit 2+ Std. Luft ein nahezu mustergültiger Asinone. Der Jahrgang markierte den Abschied vom Barrique und neuem Holz.
  • 2004 – ein großer Jahrgang der Toskana, die Holznoten sind komplett im Wein aufgegangen, seine Aromatik ist gelassen und tief, mit einem betörenden Duft, der an Creme de Cassis, dunklen Kakao, und Schwarzen Kirschen erinnert, dazu feine Noten von Veilchen und Kräutern.


Die Wurzeln – zurück zum Anfang

  • 1995 – Unter all den Jahrgängen, derjenige, der die Idee des Potentials eines großen Montepulcianos exemplarisch verkörpert. 31 Jahre jung, dicht gepackt und doch generös, ein Wein für Hedonisten und für die Nase, zum Eintauchen und zum Schwärmen. Noch ein Glas zu mir!
  •  1993 – ein kühles, regnerisches Jahr. Eine kleine Menge aus streng selektierten Trauben, zeigt die Größe des Weinbergs auch in schwierigen Jahren – präzise rote Frucht und intakte, pikante Säure, Johannisbeergelee, Pfeifentabak – der hellste und auch kühlste aller Asinone und trotzdem ein klassischer Asinone, der sein Terroir aufs beste über die Jahrzehnte zu transportieren weiß.

Was der Klimawandel im Glas verrät
Zwischen den Flights liegt mehr als Stil – es liegt eine veränderte Vegetationsperiode. Früher wurde teils erst Anfang November gelesen, die Herausforderung war in manchen Jahren, die Trauben überhaupt reif zu bekommen. Heute beginnt die Lese mancher Jahrgänge bereits Ende August; die Sorge gilt heute der Hitze und dem Erhalt der Säure. Auch im Keller hat sich die Arbeit gewandelt: Früher wurde bis zu fünfmal täglich übergepumpt, um Farbe, Aromen und Tannin aus der Traube zu extrahieren. Heute reicht oft ein einziges Pump-over. Man muss der Sonne nicht mehr nachhelfen, sondern sucht Höhenlagen und Schatten. Der schwere Tonboden des Asinone ist ein hervorragender Wasserspeicher; die Reben konnten selbst in diesem extremen Jahr 2026 mit den langanhaltenden Trockenperioden und Hitze hervorragend den Wetterbedingungen trotzen.


Warum das Holz leiser wurde

Der Wandel zwischen den Flights ähnelt der Gaußschen Normalverteilung: Start im großen Holz ohne jegliches spürbare Holz. Danach, Ende der 90er und in den 2000ern Jahren akzentuierter Holzeinsatz von neuem Barrique. Seit 2010 wieder weniger Barrique, mehr Tonneaux und große Fässer. Heute kein neues Holz mehr – zurück zu den Anfängen, allerdings mit Präzision statt Kraft, frische und Säure statt überbordenden Tannins. Die Weine bleiben ihrer Herkunft treu – und sind beileibe keine Leichtgewichte. Die Erkenntnis der 4 Jahrzehnte: der Prugnolo, insbesondere aus dem Asinone, benötigt die leichte Oxidation im (gebrauchten) Fass, er braucht keine Vanille.


Ein Beweis statt einer Behauptung

Das Menü bei Stivie‘s Cuisine – mit Leckereien wie Crostino Nero, Paccheri mit köstlichen Ragú Toscano, Pecorino, Tiramisu, dazu die klassischen Weine:
Der Weiße 2025 Ambrae, der sensationelle 2025er Rosso di Montepulciano, der Etichetta Nera Nobile sowie den hochkonzentrierten, viskosen 2015er VinSanto. Für die anwesenden Handels- und Gastronomiepartner ein vollendeter Late Lunch, so emotional wie lehrreich, mit hohem Erkenntnis-Gewinn und sagenhaften Genussmomenten.
Eine Lage im Wandel der Zeit und im Wandel des Klimas, lang lebe der König Asinone.

Unser Dank gilt dem Weingut, unserem Gastgeber Stivie und den gnadenlosen Präzisionsgläsern von Zalto.

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