Franz Weninger, Mittelburgenland und Ungarn

Eine Weingartentour mit Franz Weninger gerät unversehens zu einem lebendig vorgetragenen, spannungs-und lehrreichen Seminar in angewandter Geologie, Biodynamik, Rebsortenkunde, Klimatologie und regionaler Weinbauhistorie.

In seinem Hofladen kann man nicht nur Weine kaufen, sondern auch Message-T-Shirts mit dem Aufdruck – »Rage against the Machine«: tragbares Zeichen seines Protests gegen die zunehmende Technisierung und Industrialisierung im Weinbau.

Der sympathische Winzer aus Horitschon im Mittelburgenland ist ein Beseelter, ein Begeisterter, ein Intellektueller. Ein Mann mit einer Mission, mit ausgeprägtem ökologischen und sozialen Gewissen. Und wohl einer der besten Blaufränkisch-Produzenten des Burgenlandes.

Mehr Gaumen als Nase

Weningers Weine sind – ein Spiegelbild des Winzers – »intellektuell«. Sie sind anspruchsvoll, fordern Nase, Gaumen und Gehirn. Das Glas voreilig wegzustellen, weil einem nicht sofort die saftigsten, dunkelsten und süßesten Beeren entgegenspringen, wäre ein fataler Fehler, eine verschenkte Chance auf feinsten, facettenreichen Genuss. Der Winzer ist kein Freund der Lese in allerletzter Minute, erntet gern ein wenig früher als die meisten seiner Kollegen, gibt der leisen Frucht den Vorzug vor der lauten, extrahiert schonend und sanft. Er vergärt die Moste spontan, verzichtet auf das Überpumpen bzw. Umrühren der Maische, lässt langen Hefekontakt zu, füllt die Weine ungefiltert und kaum geschwefelt ab: »Ich will meine Weine so weit wie möglich in Ruhe lassen.«

Er zieht die Weine während der Reifeperiode bewusst nicht um, baut sie eher reduktiv, also mit so wenig Sauerstoffkontakt wie möglich aus. So geraten die Weine engmaschiger, fokussierter, bieten präzise, strahlende Tannine. Seine Blaufränkischen sind etwas „hefiger“ als die seiner Kollegen, etwas weniger fruchtig, »mehr Gaumen als Nase«, wie er sagt. Ihm sei die »drinkability«, die Trinkigkeit, sehr wichtig.

Die Reben fordern

Die Blaufränkischen von Weninger sind nicht zuletzt aufgrund der biodynamischen Produktionsweise und der Spontanvergärung sehr »direkt«, authentisch, boden- und naturnahe. Sie sind Botschafter ihrer jeweiligen Herkunft, Transmitter des Rebgartens. Womit wir beim Leib- und Magenthema des Franz Weninger sind. Denn Region, Lage und Terroir stehen bei ihm über allem.

Weningers Rebgärten in Horitschon zählen zu den ältesten und besten des Ortes. Er bewirtschaftet sie biodynamisch, fordert die Reben, zwingt sie, etwa durch konkurrenzierende Begrünung, zu schwachem Wachstum. »Unsere Weingärten sind naturbelassen und unrasiert – wie der Winzer«, sagt Weninger und streicht sich selbstironisch über den Vollbart.

Kalkofen, Hochäcker, Kirchholz, Dürrau

Die Ried Kalkofen – nomen est omen – ist von Kalk dominiert. Hingegen bieten Dürrau, Hochäcker und Kirchholz den Blaufränkisch-Reben tiefgründige, schwere Lehmböden mit je nach Parzelle variierenden Ton-, Eisen- bzw. Schieferanteilen.

Nicht unbedingt zu erwarten: Diese drei Lagen sind nach Osten bzw. Nordosten ausgerichtet. Sie profitieren zwar vom pannonischen Klima und von der Wärme des nahen Neusiedlersees, aber: „Dass gerade diese Ostexposition und die schweren Lehmböden derart feine Weine hervorbringen, kann auch ich mir logisch nicht ganz erklären“, gesteht Weninger freimütig zu. Als Erklärung des eigentlich Unerklärbaren mag Shakespeares Hamlet dienen: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.“

Blaufränkisch nach Lagen auszubauen, ist die beste Möglichkeit, über diese Rebsorte und ihre Vielschichtigkeit zu erzählen. Jeder unserer Weine schmeckt nach seiner Herkunft“, sagt Weninger, ist im Kopf aber eigentlich schon einen Schritt weiter, denn: „Wichtiger als der Geschmack ist die Wirkung des Weins, ist die Stimmung, in die er uns versetzt.“ Die Metaphern dazu hören sich dann so an: „Mit dem frischen Kalkofen beginnt der Tag. Der dunklere Dürrau beschließt ihn.“ Auch der Laie kann sich damit ein Bild des Stilunterschiedes dieser beiden Blaufränkisch-Weine machen.

Franz folgt Franz

Schon Weningers Vater, ebenfalls „Franz“, zählte in den 1990er-Jahren zu den profiliertesten Blaufränkisch-Winzern des Mittelburgenlandes, favorisierte damals aber noch den etwas kräftigeren „Bordeaux-Stil“. Mit Franz dem Jüngeren setzte etwa ab der Jahrtausendwende eine Weiterentwicklung, Verfeinerung, Vertiefung und Profilierung der Weine und des Weinstils ein.

2005 wurde auf Biodynamik umgestellt, und seit 2011 ist der Sohn für den 28 ha großen Familienbetrieb hauptverantwortlich, den er nun gemeinsam mit seiner Frau Petra führt. 75 % der Rebfläche sind dem Blaufränkisch gewidmet.

Hier Blaufränkisch, dort Kékfrankos

Obwohl fest in seiner Heimatregion verwurzelt, pendelt Weninger heute „grenzenlos“ zwischen seinem Weingut im burgenländischen Horitschon und seinem zweiten im nur wenige Kilometer entfernten ungarischen Balf bei Sopron hin und her.

Die Vorgeschichte: Vater Weninger entdeckte das Potenzial Westungarns für Qualitätsweine schon bald nach dem Fall des eisernen Vorhanges, startete 1992 in Villány ein Kooperationsprojekt und begann 1997 auch in Balf mit der Weinproduktion. Heute bewirtschaften die Weningers hier in der Nähe des Neusiedlersees 25 ha biodynamisch.

Auch aus Balf kommt spannender Blaufränkisch bzw. Kékfrankos, wie die Sorte in Ungarn heißt. Vor allem aus der von Schiefer geprägten Einzellage Steiner.

Franz Weninger: „Der Steiner galt schon 1680 als die beste Lage in ganz Westungarn, und dieser langen Tradition fühlen auch wir uns verpflichtet.“ Obwohl nur wenige Kilometer Luftlinie von Horitschon entfernt, erbringt dieselbe Rebsorte hier in Balf andere Weine: „Im Vergleich zu unserem dunkleren burgenländischen Blaufränkisch ist der aus dem Steiner schlanker, karger, purer. Ein anspruchsvoller, klarer, kristalliner Bergwein“, so der Winzer.

Der aufrechte Gang

Weninger ist überzeugt: „Blaufränkisch ist die österreichische Qualitätsrotweinsorte schlechthin.“ Trotz aller Erfolge und international wachsender Anerkennung gibt er sich aber keinen falschen Illusionen hin: „International müssen wir über Blaufränkisch noch viel erzählen, und es bedarf noch mehr Produzenten, die sich der Rebsorte auf höchster Qualitätsebene widmen, um die kritische Masse zu erreichen, die noch mehr in Bewegung bringt. Wir sind auf einem guten Weg, bewegen uns in die richtige Richtung, sind derzeit aber noch in der Krabbelphase.“ Doch Franz Weninger ist zuversichtlich: „Als nächstes kommt jetzt der aufrechte Gang.“

Weingut Weninger

www.weninger.com