Valori

Weinbau mit Leibniz, Marx und Kant

Selten sind Winzer und Wein so natürlich, echt und unverfälscht
wie bei Luigi Valori in den Abruzzen

Die Nummer seines Mobiltelefons gibt er nur wenigen Menschen seines Vertrauens, er hebt das Festnetz-Telefon auf seinem Weingut ungern ab, liest E-Mails selten bis gar nicht, hat keine Website. Selbst in seinem Werbefolder verzichtet er auf jegliche Kontaktdaten.

Wenn man mit ihm reden will, muss man zu ihm hinfahren – in das abgelegene Dorf Sant’Omero in den nördlichen Abruzzen. Kaum dort angekommen, wird man aber von einem Begeisterungssturm erfasst und in ungeahnte Höhen getragen: Dieser Wirbelwind in Menschengestalt heißt Luigi Valori.


Weingarten-Philosophie

Der unkonventionelle Winzer kann stundenlang über seinen Lieblingsphilosophen, den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen „Theodizee“ reden, kennt auch Marx, Kant, Wittgenstein und Epikur, hat Theologie und Agronomie studiert, war in den 1970er-Jahren Fußball-Profi bei Ascoli, arbeitete dann jahrelang in Kolumbien als Botaniker, bis er 1996 schließlich seine wahre Berufung fand – einen Weingarten in den Abruzzen: Der Vigna Sant’Angelo liegt auf einem nach Südwesten ausgerichteten, sanft abfallenden Hang unmittelbar hinter dem kleinen Weingut. Hier stehen mehr als 45 Jahre alte, charaktervolle Montepulciano-Rebstöcke, kräftig und vital.


One Man Show

Valori ist eine One Man Show, betreut seine 16 Hektar Weingärten wie ein Schäfer seine Schafe, liebt die Natur, streichelt die Rebstöcke und küsst die Trauben (wir waren Augenzeugen!). Er produziert die gebietstypischen Weine der Abruzzen: den weißen Trebbiano, den roten Montepulciano und eine Riserva davon, den Sant’Angelo.

Die Vermarktung seiner Produktion überlässt er vertrauensvoll dem befreundeten Weingut
Masciarelli, ganz einfach „... weil mich nur der Wein interessiert, nicht das Verkaufen.“ Ein
typischer Valori-Satz. Und wenn er sagt: „Für mich ist der Wein nicht Geschäft, sondern meine Art zu leben“, so glaubt man ihm das auch.

Nach Karl Marx verändert der Mensch durch seine Arbeit nicht nur seine Umgebung und die Natur, sondern er verändert zugleich wesentlich sich selbst und seine eigene Natur. Dies,
so Valori, treffe auf ihn und seine Arbeit mit den Reben voll und ganz zu. Insofern sei der
Weinbau für ihn persönlich „Marxismus pur“.


Die Essenz erkennen

Für Valori ist der Weingarten ein phantastischer Mikrokosmos, in dem auch eine kleine Wespe ihre wichtige Aufgabe erfüllt, indem sie ihm durch ihre Naschsucht die optimale Beerenreife anzeigt. „Man muss die Rebe kennen, ihr Wesen, ihre Essenz erkennen,
sie verstehen, mit ihr zusammenleben. Nur so kann man echten, unverfälschten Wein machen.“

Er arbeitet das ganze Jahr über allein im Weingarten und Keller, nur zur Erntezeit lässt er
sich von einigen Freunden helfen, denen er strikt auf die Finger sieht, damit sie nicht eine
einzige unreife Beere pflücken. Im Stress ist er nie. Sogar unmittelbar vor der Lese, als wir ihn – allein auf dem Weingut – antrafen, sagt er: „Ich habe nichts zu tun. Außer zu warten,
bis die Trauben reif sind.“

Der Boden in Valoris Weingärten besteht vorwiegend aus kargem Sand – ein Grund, warum
seine Weine so schön ausbalanciert und elegant parfumiert sind. Der kleine Keller ist
blitzsauber und funktional, die Moste werden mit Naturhefen spontanvergoren, Barriques
behutsam eingesetzt. Die alten Reben, die autochthonen Sorten, der Boden und der Enthusiasmus dieses Mannes: Das ist Terroir pur!


Seltene Symbiose

Selten sind Wein und Winzer so eins, so direkt miteinander verbunden wie bei Luigi Valori. Wer seine Weine trinkt, reicht ihm die Hand, sieht ihm ins Gesicht, hört ihn sprechen. Gemessen an den Preisen sind die Weine ein Geschenk. Aber vermutlich interessieren Luigi Valori weltliche Dinge wie Preise nicht im Geringsten – solange er nur bei seinen Reben sein kann.

Immanuel Kants Kategorischer Imperativ sagt sinngemäß: „Handle so, dass die Maxime deines Handelns allgemeine Gültigkeit erlangen können.“ Wären die Maxime, nach denen Valori Weinbau betreibt, allgemein gültig: Könnte dem Wein etwas Besseres passieren?

Valori

Sant' Omero (Teramo) – Abruzzen – Italien