Weingut Thörle: Zwei Brüder, eine Leidenschaft, ein Ziel

Mit einem starken Bewusstsein für regionale Lagen und Sorten sowie größter Sorgfalt in Weinberg und Keller zielen die Brüder Thörle in Rheinhessen auf höchste Qualitäten.
Nachdem die Gewächse des Rheinhessischen Hügellandes viele Jahrzehnte auf den Weinkarten der Welt nicht zu finden waren und auch mit keinem Satz in einem einzigen Weinführer erwähnt wurden, hat sich dies dank einer jungen Winzergeneration grundlegend geändert. Dazu gehören Johannes und Christoph Thörle. Johannes studierte Weinbetriebswirtschaft in Heilbronn und absolvierte Praktika bei Wittmann in Westhofen sowie bei Eikendal Vineyards in Stellenbosch. Er übernahm das bereits seit dem 16. Jahrhundert bestehende Weingut 2006 von seinen Eltern, die den Betrieb seit 1985 führten und damals von der Fass- auf die Flaschenweinproduktion umgestiegen waren. Der zwei Jahre jüngere Christoph stieg nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt und einer Zeit bei einer Unternehmensberatung 2011 mit ein und kümmert sich seitdem um Vertrieb und Marketing im In- und Ausland. Während der Weinlese ist Christophs Platz aber im Weinberg und im Keller, wo er gemeinsam mit Johannes die Weine bereitet. „Ich bin mit dem Weinbau aufgewachsen. Da kriegt man sehr viel mit.“ erzählt Christoph Thörle. „Heute steht Rheinhessen für Dynamik. Eine breite Generation von jungen, gut ausgebildeten Winzern hat es in den vergangenen Jahren geschafft, das Potenzial unserer Weinberge besser zu nutzen und die Qualität der Weine flächendeckend zu verbessern. Das ist in diesem Maße einzigartig in Deutschland. Die trockenen Rieslinge gehören zur deutschen und internationalen Spitze, aber auch die Vielfalt auf höchstem Niveau zeichnet Rheinhessen aus. Das ist nur der Anfang einer Entwicklung, die den Stellenwert unseres Gebiets in den nächsten Jahren weiterhin nach oben führen wird.“

Dank zahlreicher Neuerungen zählt Thörle inzwischen zu den Spitzenbetrieben in Rheinhessen
„Staunen machen der Silvaner Probstey, die Chardonnay- Reserve, die Lagenrieslinge, aber auch die höchst eleganten Spätburgunder“, schwärmt der Gault Millau Weinguide 2017, der das Weingut seit 2010 mit drei Trauben auszeichnet (seit 2011 mit drei roten). Selbst die Queen kam bei einem Staatsbankett im Juni 2015 in den Genuss des Chardonnay Réserve. Wie schafft man so etwas in so kurzer Zeit? Zunächst war da das große Vertrauen der Eltern. “Wir durften im elterlichen Betrieb völlig frei walten und schalten, konnten alle Ideen und Visionen umsetzen und uns im wahrsten Sinne des Wortes „selbst verwirklichen“, erinnert sich Christoph. „Dabei hielten uns unsere Eltern nicht etwa an der langen Leine, – sondern es gab keine. In einem etablierten Betrieb hätten wir als nachfolgende Generation nicht so viele Freiheiten gehabt“. Der Aufbau zu einem Spitzenweingut war vor allem in den letzten Jahren von harter Arbeit und zahlreichen Investitionen geprägt. So zum Beispiel in hochwertige Holzfässer und exzellente Weinbergslagen, die die beiden rund um Saulheim erwarben. Parzellen, die für andere Winzer schwer zu bewirtschaften waren, wurden getauscht; einige brachliegende dazu gekauft. Bis heute konnte die Rebfläche, die sich auf 110 Parzellen verteilt, von dreizehn auf 25 Hektar erweitert werden. Jede Parzelle wird separat ausgebaut. „Wir haben immer daran geglaubt, dass wir in der Liga der besten Weingüter mitspielen können.“ Das Potenzial der überwiegend kalksteinreichen Saulheimer Weinbergslagen hatten die Thörles früh erkannt. Denn die verschiedenen Verwitterungsstufen des Kalksteins verleihen den Weinen ihre ganz besondere Charakteristik, welche die beiden Winzer Jahr für Jahr optimal herauszuarbeiten versuchen. In den ersten Jahren krempelten die Brüder den Betrieb komplett um und fokussierten sich fast ausschließlich auf die klassischen Rebsorten Riesling, Silvaner sowie die weißen und roten Burgunder. So wurden einige Rebzeilen mit alten Qualitätsklonen neu angelegt (z.B. beim Spätburgunder mit Dijon Klon „777“, „828“ sowie mit Geisenheim 20-13). Fast die Hälfte der Rebfläche ist mittlerweile mit Riesling bestockt, während alle Burgundersorten, einschließlich Chardonnay, gut 35 % einnehmen. Durch Verzicht auf Kunstdünger, Intensivierung der Handarbeit in den Weinbergen, rigorose Ertragsreduzierung und manuelle Lese konnte die Qualität der Trauben enorm gesteigert werden. Die schonende Verarbeitung des aromatischen, reifen Rebguts, lange Maischestandzeiten und natürliche Vergärung mit wilden Hefen aus dem Weinberg machen schließlich das Terroir des nördlichen Rheinhessens schmeckbar. Als Musterbeispiele kredenzt uns Christoph zwei seiner Lieblingsweine, den Schlossberg Riesling (Jahrgang 2015), der eine unglaubliche Spannung und Finesse offenbart, und den Chardonnay Réserve (Jahrgang 2015), der im Gault Millau Weinguide bereits treffend beschrieben wurde: „Staunen macht aber auch der Chardonnay Réserve. Er zeigt mit seiner fein eingewobenen Salzigkeit und den eingebundenen Röstaromen eindrucksvoll, welches Händchen für den Holzfassausbau Christoph und Johannes Thörle haben. Unwiderstehlich mineralisch!“

Vor Millionen Jahren wogte hier einmal das Urmeer
Die Sedimente und Ablagerungen des tertiären Rheinhessischen Urmeers prägen die Weine. Kalkiger Lehm, Kalkmergel mit Eisenoxiden, Kalkschotter und Meeressand sind Zeugen der beiden lang andauernden Zeitalter der Meeresbildung, dem Oligozänmeer – vor 38 bis 25 Mio. Jahren – und dem Miozänmeer – vor 25 bis 12 Mio. Jahren – mit einer dazwischen liegenden Phase der Verlandung. Die Böden rund um Saulheim profitieren heute noch davon: Denn die außergewöhnliche Mineralität der Weine beruht auf dem hohen Kalkgehalt von bis zu 35% Aktivkalk in den Böden, die zusammen mit dem Kleinklima der unterschiedlichen Saulheimer Weinbergslagen die Weine prägen. Die Typizität der Kalkstein-Mineralik ist den Rieslingen und Burgundern deutlich anzuschmecken. Ausdrucksstark, fein, spannungsreich, salzig und sehr trocken, so lassen sich die Thörle-Weine auf den Punkt bringen.

Saulheimer Probstey, Saulheimer Schlossberg und Saulheimer Hölle
heißen die hochwertigsten Einzellagen der Thörles, die durchaus das Zeug zum Grand-Cru haben. Schon in der Saulheimer Ortschronik von 1963 heißt es: „Der Nieder-Saulheimer Wein ist kräftig, von außergewöhnlicher Güte und Reinheit. Die Spitzenweine der Lagen ‚Zu Höllen‘, ‚Probstey‘, ‚Hauben‘ und ‚Norenberg‘ seien besonders genannt.“ Weiter heißt es: „Im Mittelalter waren die Klöster St. Maria zu Mainz (1167), Kloster Eberbach (1354) und St. Peter (15. Jh.) in Nieder-Saulheim im Besitz von Weinbergen. Der Flurname ‚Probstey‘ erinnert noch heute daran.“ Mühsam aber entscheidend ist die Bewirtschaftung der Weinberge, die bei diesen Spitzenqualitäten mit sehr vielen Handarbeitsstunden verbunden ist; insbesondere wenn man Jahr für Jahr perfekte Trauben lesen will. „In jedem Jahr beginnt das Spiel von neuem. Die Faktoren Temperatur, Niederschlagszeitpunkt und Niederschlagsmenge bestimmen unser Jahr von März bis November und haben natürlich erheblichen Einfluss auf die Menge und Qualität der Trauben“, berichtet Christoph. Dabei geht Qualität klar vor Quantität, um das Potenzial der Spitzenlagen jedes Jahr ein wenig mehr auszureizen. „Wir setzen uns sehr intensiv mit den Gegebenheiten unserer Weinbergslagen auseinander und verstehen sie mit jedem Jahr ein Stückchen besser.“ Diese werden sehr naturnah bewirtschaftet, statt Kunstdünger, Herbiziden, Botrytiziden und Insektiziden werden Pferdemist, Trester und Kompost eingesetzt, die Parzellen werden dauerbegrünt. „Wir scheiben - das heißt, das Unkraut wird gehackt und untergepflügt, liefert natürlichen Dünger und fördert die Humusbildung - und nutzen zum Teil ökologische Mittel, wie zum Beispiel Kupfer oder Schwefel“, erzählt Tobias Kleinfelder, rechte Hand der Thörle-Brüder, der uns durch die Weinbergslagen führt.

Die Saulheimer Probstey, in direkter Südausrichtung, mit Steigungen von bis zu 35 % und ihrer geringen Höhe von lediglich ca. 120 bis 180 m über NN ist ein Garant für kräftige Spitzenweine. Der Boden dieses windoffenen Südhangs setzt sich aus hellem Lehm, Kalkmergel und gelbem Meeressand zusammen. Hier stehen noch 30 bis 35 Jahre alte Silvaner-Reben. Der Saulheimer Schlossberg ist von umliegenden Hügelketten eingeschlossen, liegt im Nordwesten von Saulheim in einer toskanisch anmutenden Landschaft. Die westlich ausgerichtete Lage mit Höhen zwischen 160 und bis zu 240 m NN und Steigungen bis zu 30 % ist durch tiefgründige Ton- und Kalkmergelböden mit Eisenoxiden geprägt, welche sich sehr langsam erwärmen, Wärme und Wasser jedoch hervorragend speichern. Von den alten Reben des Schlossbergs ernten die Thörles die besten Trauben für ihre elegantesten Rieslinge. Die Saulheimer Hölle, seit Generationen im Familienbesitz, bildet den Südhang eines kleinen Tales zwischen zwei Hügelketten im Westen Saulheims. Die Rebstöcke gedeihen auf einer Höhe von 150 bis 235 m über NN, bei einer Steigung im Mittelhang von bis zu 35 %. Die Lage erwärmt sich äußerst schnell und zeichnet sich durch ihr windgeschütztes Talklima aus. Der Boden dieser Einzellage, mit seinem sehr hohen Anteil an Kalksteinablagerungen des tertiären Rheinhessischen Urmeers, bestimmt auch hier den mineralischen Charakter der Weine.

Minimalismus im Keller
Anders als im Weinberg ist dagegen im Keller „kontrolliertes Nichtstun“ angesagt: so wenig Technik und Eingriff wie möglich, schonende, moderne Weinpressen, Sedimentation, Spontangärung und der Verbleib der Weine auf der Vollhefe bis zur Füllung. Nicht zuletzt bringt der verstärkte Einsatz von neuen und alten Holzfässern Weine hervor, die mittlerweile zu den Spitzenqualitäten Rheinhessens zählen. Bei den Weißweinen kommen klassische Stück- und Halbstückfässer aus Pfälzer Eiche von der Küferei Hösch aus Hackenheim sowie 500 Liter fassende Holz-Tonneaux zum Einsatz, bei den Rotweinen klassische Barriques (225 und 228 Liter) aus französischer Troncais-, Allier und Vogeseneiche (Taransaud, François Frères & Damy). Die Spätburgunder werden auf der Maische spontan vergoren und ganz traditionell unfiltriert abgefüllt. Bei den Weißweinen sorgt Sedimentation für die Vorklärung. Von Kaltvergärung und selektierten Hefen sehen die Thörles ab. „Moderne Kellertechniken führen dazu, dass viele Weine mittlerweile mehr von der Kellertechnik als durch ihre Herkunft geprägt sind. Besonders der Einsatz von Reinzuchthefen, scharfer Mostvorklärung und Kaltvergärung führt zu ‚sicheren‘ Ergebnissen und einer damit einhergehenden und dort auch gewollten Standardisierung der Weine für den Massenmarkt“, erklärt uns Christoph Thörle. Was macht die Thörle-Weine so einzigartig, wollen wir nun von ihm wissen: „Sie können auf vielerlei Ebenen mit den allerbesten Weinen ihrer Rebsorte mithalten und besitzen dabei eine ganz eigene Stilistik, die sich durch die typische salzige Kalkstein- Mineralik des nördlichen Rheinhessens, Ausbau in neuen und alten Holzfässern und sehr niedriger Restsüße auszeichnen. Und: Wer will schon jeden Tag das gleiche trinken, auch beim Wein geht es immer ums ‚Entdecken!“

Das Qualitätswunder im rheinhessischen Saulheim
geht nun in die nächste Runde. - Was die 2016er-Serie eindrucksvoll zeigt. Der 2016er wird zu den Spitzenjahrgängen des Weinguts zählen. „Mit der beste Jahrgang, den wir bisher je hatten war 2008. – Besonders die 2016er Weißweine kommen den 2008ern jedoch sehr nahe!“, meint Christoph. „Aber auch die 2016er Spätburgunder zeigen sich bei den Proben der einzelnen Fässer sehr vielversprechend. Das Erntejahr 2016 brachte ausgesprochen gute Traubenqualitäten. Nach einem kühlen regenreichen Sommer wurde es im September rechtzeitig sehr heiß und trocken. Die hohen Temperaturen kompensierten die niedrigeren aus den Monaten Juni und Juli. Im Oktober wurde es kühler, aber es blieb glücklicherweise trocken, was für die Aromenausreifung der Trauben wichtig ist. Dadurch blieben auch die Säuren auf einem sehr guten Niveau und die Alkoholgehalte moderat. Und die Zukunft? Christoph und Johannes Thörle arbeiten tagtäglich an einem gemeinsamen Ziel: Das Weingut unter den Spitzenbetrieben Deutschlands zu etablieren. Dafür werden neue Investitionen getätigt. Aktuell befindet sich ein neues Weingut im Bau. Das Flaschenlager ist bereits eingezogen. Temperatur- und feuchtigkeitsregulierung sorgt für perfekte Lagerbedingungen. Hier wird später auch die Rotweinbereitung angesiedelt. Mehr Platz für neue Barriquefässer und die Vergärung in Holz-Cuves ist ebenfalls geplant. Teil des neuen Weinguts wird auch eine Vinothek mit Terrasse sein. Der Standort könnte nicht besser sein! Während der Weinverkostung genießt man zukünftig einen herrlichen Weitblick über die Saulheimer Weinberge und blickt durch die gläsernen Türen über das unmittelbar neben der Vinothek gelegene Barriquelager. Fertigstellung: voraussichtlich im Spätsommer 2018.

Weingut Thörle

www.thoerle-wein.de