Ruggeri. 60 Jahre und drei Gläser

Zwei außergewöhnliche Prosecchi der Kellerei Ruggeri aus Valdobbiadene: Sessantanni und Giustino B.

Unter den 150 Millionen Flaschen Prosecco, die 2010 in Italien produziert wurden, ragen jene mit einer goldbeschrifteten roten Metallkappe heraus: Dieses „Muselet“ wird unter Liebhabern wohl bald als seltenes Sammlerstück gelten, gibt es doch von dem Wein, den es verschließt, dem Sessantanni, nur knapp 5.000 Flaschen.

Ebenso einzigartig wie dieser Wein ist der Anlass, für den er produziert wurde: das 60-jährige Bestehen der Prosecco-Kellerei Ruggeri in Valdobbiadene. 1950 vom heute 91-jährigen Giustino Bisol gegründet, wird der Betrieb längst von dessen Sohn Paolo geführt, der bereits tatkräftig von Tochter Isabella und Sohn Giustino unterstützt wird.

Der Sessantanni ist Prosecco-Kunst auf ihrem Höhepunkt und macht die 60-jährige Erfahrung Ruggeris mit jener Traube schmeckbar, die offiziell nicht mehr „Prosecco“ heißt, sondern seit 1.1.2010 den historischen Namen „Glera“ trägt. Vergleichbar mit dem Begriff „Champagner“ ist „Prosecco“ nunmehr ausschließlich dem Wein bzw. der Herkunftsbezeichnung vorbehalten.

Le Guizette – ein Weingarten


„Es ist ein einzigartiger Wein, ein nicht mehr wiederholbares Experiment“, sagt Paolo Bisol.

Warum? „Alle Trauben für den Sessantanni stammen aus dem Jahr 2009 und aus einem einzelnen Weinberg – Le Guizette.“ Das ist insofern außergewöhnlich, als Prosecco in der Regel aus den Trauben mehrerer verschiedener Lagen cuvéetiert wird. Le Guizette ist ein Weingarten im wahrsten Sinn des Wortes: nur 6.000 m2 groß, aber seit jeher bekannt für die Qualität seiner Trauben. Kein Wunder, liegt doch die Parzelle im Nukleus der historischen Prosecco-Zone, im Cartizze-Weinberg, dessen 107 Hektar sich 140 verschiedene Eigentümer teilen.

Cartizze, wo die Trauben eine besondere Duftigkeit und Aromatik entwickeln, ist so wertvoll und begehrt, dass Preise von einigen Tausend Euro pro Quadratmeter (!) gezahlt werden. Theoretisch – denn praktisch denkt keiner der Eigentümer auch nur im Traum daran, eine Handbreit Boden zu verkaufen.

Für den Sessantanni wurden hauptsächlich Glera, sowie kleinere Mengen der autochthonen Sorten Verdiso, Perera und Bianchetta verarbeitet. Weitere Besonderheit: „In Le Guizette haben wir viele, bis zu 100 Jahre alte Rebstöcke, die dem Wein Charakter geben“, so Bisol. Ebenso wie der Boden hier: Kalk, Sandstein, Ton, Mergel, Millionen Jahre alte fossile Ablagerungen sowie der leicht nach Südost geneigte Hang bieten optimale Voraussetzungen für höchste Traubenqualität.

Dazu kommt: Der Weingarten gehört der Familie von Gianluca Tognon, dem Agronomen bei Ruggeri. Dies garantiert eine Rebpflege, die über dem ohnehin sehr hohen Niveau liegt, das Paolo Bisol von seinen Traubenlieferanten verlangt. Die Tognons sind einer von insgesamt mehr als 100 Traubenproduzenten, bei denen Bisol seit vielen Jahren kauft und die er alle persönlich kennt. Die meisten von ihnen bewirtschaften weniger als einen Hektar, der größte kaum mehr als drei Hektar.

Der Sessantanni blieb nach der ersten Gärung bis April 2010 auf der Hefe. „Das ist ein natürlicher Schutz vor Oxidation, reduziert den Schwefeleinsatz und fördert die Komplexität der Aromen“, so Bisol. Die zweite Gärung erfolgte – wie bei Prosecco üblich – unter Zugabe von Hefe und Zucker im Drucktank. Der Jubiläumswein wurde mit einem von Isabella Bisol gestalteten Etikett ausgestattet, das jenem aus der Gründerzeit Ruggeris nachempfunden ist: Der historische Kreis schließt sich ...

Prosecco aus der DOCG-Region

Neben dem 60-Jahr-Jubiläum gab es für die Familie Bisol vor kurzem einen zweiten Anlass zur Freude: Italiens „Weinbibel“ Gambero Rosso vergibt in seiner aktuellen Ausgabe 2011 für Ruggeris Giustino B. 2009 die Höchstnote „Tre bicchieri“ (3 Gläser) – für einen Prosecco extrem selten. Der nach dem Firmengründer benannte Wein zählt mit Cartizze, Extra Brut und Vecchie Viti zu den Top-Weinen Ruggeris. Er wird aus Trauben, die in sechs selektionierten, erstklassigen Lagen im Raum Valdobbiadene wachsen, produziert.

Der Giustino B. trägt den Zusatz „Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG“ auf dem Etikett: ein Hinweis, dass der Wein aus der 2010 neu geschaffenen DOCG-Zone kommt, also aus dem historischen Kerngebiet des Prosecco-Anbaus zwischen Valdobbiadene und Conegliano, das nur 5.000 Hektar umfasst – de facto ausschließlich in Hanglagen, die nur aufwändige Handarbeit zulassen.

„Die DOCG-Zone ist für uns sehr wichtig“, sagt Paolo Bisol. „Das garantiert dem Kunden höchste Qualität und hilft ihm, hochwertige Produkte zu erkennen.“ Denn von der gesamten Prosecco-Produktion stammen nur 40 % aus der DOCG-Zone. Der große Rest kommt aus dem flachen, mit Maschinen bewirtschafteten DOC-Gebiet, das fast ganz Venetien und Friaul von Vicenza bis Triest umfasst und vorwiegend billige Supermarkt-Prosecchi hervorbringt, deren „Muselet“ sammeln zu wollen wohl kein Mensch ernsthaft in Erwägung zöge.

Ruggeri

Valdobbiadene – Veneto – Italien
www.ruggeri.it