Gernot und Heike Heinrich. Von der Biodynamik über den Alten Berg zur „Freyheit“

„Nicht auf andere schauen, die Nerven bewahren ...“ – steht auf einer kleinen, verwitterten Holztafel, die unscheinbar neben dem Eingang des Weinguts von Gernot und Heike Heinrich an der Hauswand lehnt.
„Nicht auf andere schauen“: Das haben die Heinrichs schon immer gemacht. Anfang der 1990er-Jahre war es ihr privates Wohnhaus in Gols am Neusiedler See – ein schlichter, weißer Kubus im Adolf Loos-Stil –, das aufgrund seiner Andersartigkeit Unwillen erregte: Der Baubehörde war das Haus zu „eckig“ und nicht zum ortsüblichen Baustil passend.

Mitte der 1990er-Jahre gehörte das Winzerehepaar – noch vor dem in Ostösterreich einsetzenden Architekten-Weinkeller-Boom – zu den ersten, die einen großen, modernen Keller bauten. Zehn Jahre später waren sie unter den ersten „etablierten“ Qualitätswinzern des Landes, die auf Biodynamik umstiegen. Damals zählten preisgekrönte Heinrich-Weine wie Pannobile, Gabarinza und Salzberg bereits zu den Klassikern des modernen österreichischen Rotweins.

2007 fand man Gernot und Heike abermals unter den ersten Top-Winzern, die das Potenzial des Leithagebirges erkannten, des östlichsten Ausläufers der Alpen mit seinen mineralischen Kalk- und Schieferböden. Heute bewirtschaften die Heinrichs auf der Westseite des Neusiedler Sees bereits rund 50 ha, etwa die Hälfte (!) ihrer gesamten Rebfläche. Die andere Hälfte liegt rund um Gols, auf der Nordostseite des Sees.

Vision: „Grand Cru“ Alter Berg
Herzstück des Leithaberg-Projekts der Heinrichs ist der „Alte Berg“. Dieser sanft nach Südosten abfallende Rebgarten ist von der Natur begünstigt: Die hohe Lage (bis 280 m) und die Nähe von Wäldern sorgen für ein relativ kühles Mikroklima. Niederschlag und Feuchtigkeit sind ausreichend, der mineralreiche, vorwiegend aus Kalk und verwittertem Kalksandstein bestehende Boden bietet beste Voraussetzungen für Blaufränkisch – die österreichische Qualitätsrotweinsorte schlechthin.

Während einige der Weinberge am Leithaberg bereits in vollem Ertrag stehen, werden andere, vor kurzem erworbene, behutsam und landschaftsschonend neu angelegt und bepflanzt – vor allem mit Blaufränkisch, an passender Stelle auch mit Weißburgunder oder Chardonnay.

„Die Böden hier sind zum Großteil seit vielen Jahren brach gelegen und somit vor Chemie verschont geblieben. Ideal für den biodynamischen Weinbau“, sagt Gernot Heinrich. Hier warten die spannenden Herausforderungen der Zukunft auf ihn. Auch wenn das Projekt auf Jahrzehnte angelegt und vieles noch im Auf- und Umbau ist: In seinen Gedanken nistet bereits die Vision eines ganz besonderen Weines – eines Blaufränkisch „Grand Cru“ Alter Berg.

Der Stil: purer, lebendiger, spannender
Die Biodynamik und die Lagen am Leithagebirge haben den Stil der Heinrich-Weine insgesamt beeinflusst. Er hat sich behutsam, aber spürbar weiterentwickelt, am deutlichsten erkennbar eben an den spannenden Leithaberg- und den neuen „Freyheit-Weinen“.

Die Rebgärten auf der Westseite des Neusiedler Sees liefern nicht nur lagenreine Weine, sondern kommen auch anderen Weinen Heinrichs zugute, weil sie auch Trauben für Klassiker wie Blaufränkisch, Zweigelt und Pannobile liefern und damit deren Stil beeinflussen.
Gernot: „Wir haben jetzt die Möglichkeit, den eher reifen, vollen Charakter der von sandig-lehmigen Sedimenten geprägten Golser Lagen mit den kühl-mineralischen Eigenschaften der kalk- und schieferreichen Böden des Leithagebirges zu vereinen.“
Er lässt die Weine nun auch länger im Keller liegen als früher, damit sie an Charakter gewinnen: „Wir gönnen ihnen viel Zeit zum Reifen. Jene Zeit, die heute kaum noch jemand hat, weil sie sich kaum noch jemand nimmt.“

Insgesamt sind Heinrichs Weine in den letzten Jahren authentischer, frischer, feiner, lebendiger, straffer, spannender, klarer, puristischer und noch anspruchsvoller geworden, haben mehr „Zug“ und Charaktertiefe bekommen. Es gibt kein neues, schmeckbares Holz, der Alkoholgehalt ist moderat. Und: Die Weine haben eine ungemeine Präzision und eine gewisse Salzigkeit.

Freyheit für den Wein!
Einen Schritt über die Biodynamik hinaus gegangen sind Gernot und Heike nun mit ihren neuen Weinen der Serie „Freyheit“. Ob man diese nun Naturweine nennt (ein Begriff, der gemäß österreichischer Gesetzeslage ausdrücklich verwendet werden darf) – oder Orange-, Amber-, Natural- bzw. Raw-Wines: Die „Freyheit-Weine“ liegen lange auf der Maische bzw. sind überhaupt maischevergoren, reifen längere Zeit (bis 20 Monate) auf der Hefe in großen (bis 2.600 l) ungetoasteten, ovalen Eichenfässern, sind nicht bzw. minimal geschwefelt, bleiben ungefiltert. So trüb, dass der Winzer – nur halb im Scherz – empfiehlt: „Vor Genuss schütteln!“

Mit dem bewusst in altmodischer Weise mit „y“ geschriebenen „Freyheit“ wollen die Heinrichs klar machen, dass es sich um Weine handelt, die altmodisch, also traditionell und natürlich produziert sind. Und: dass diese Weine „frey“ sein wollen von Regeln und Zwängen sowie von Zusätzen und Eingriffen im Keller, „frey“ und offen für Neues, Ungewöhnliches.
Gernot: „Freyheit bedeutet aber auch, dass wir uns persönlich frei und ungebunden fühlen bei der Weinproduktion. Frei, Dinge zu tun, die wir für gut halten – etwa lange Maischestandzeiten oder Verzicht auf Filtration der Weine.“

Neue Geschmackserlebnisse zulassen
Wie reagieren die Kunden auf all diese Entwicklungen? Die allgemeine Präzisierung und Purifizierung der Heinrich-Weine werden gut aufgenommen. Doch Gernot und Heike wissen, dass sie sich vor allem mit den anspruchsvollen „Freyheit-Weinen“ in einer Randzone bewegen, und dass dies erklärungsbedürftige Weine sind, weshalb Sommeliers, Gastronomen und Fachhändlern eine wichtige Rolle zukommt.
Und dass der fordernde Stil für so manche eingeschworene Fans des „alten“ Pannobile, Gabarinza und Salzberg (noch) gewöhnungsbedürftig ist. Gernot: „Es kommt auch darauf an, ob man bereit ist, neue Geschmackserlebnisse zuzulassen.“

Heike ergänzt: „Vor allem aufgeschlossene Weintrinker und Sommeliers sind von der „Freyheit“ ganz angetan, schätzen deren geschmackliche Vielfalt und Bekömmlichkeit. Solche Weine sind auch keine Frage von jung oder alt, sondern eine Frage, ob man offen ist für Neues und Unkonventionelles.“
Was stand doch auf der verwitterten Holztafel vor dem Weingut der Heinrichs? „Nicht auf andere schauen, die Nerven bewahren ...“

Heike & Gernot Heinrich

Gols – Neusiedlersee – Österreich
www.heinrich.at