Der Löwe von Sizilien

Das Weingut Cusumano schreibt ein neues Kapitel in der Weinbaugeschichte der Insel

Der schwere, honigsüße Duft von strahlend gelb blühenden Ginsterbüschen liegt in der Luft, durchzogen von den frischen, harzigen Aromen des nahen Nadelwaldes. Das helle, vitale Grün der jungen Rebstöcke leuchtet im Licht der aufgehenden Sonne und bildet einen reizvollen Kontrast zum dunkelbraunen, fast schwarzen Boden. Jeder Schritt wirbelt die beinahe pulverig feine Erde zu Staubwölkchen auf.

Fünf Monate lang wurden hier an diesem Hang Terrassen angelegt. Spezialisten aus den nahen Dörfern bauten in mühe- und kunstvoller Handarbeit unzählige Trockenmauern. Auf den Terrassen stehen nun Reben der Sorte Nerello Mascalese: Dieser Bilderbuch-Weingarten heißt Guardiola, liegt am Nordhang des Ätna auf Sizilien, und zählt zu den Grand Crus am Vulkan.

Man erwartet viel von diesen Reben, die im Frühling 2014 gepflanzt wurden: In einigen Jahren sollen sie die Trauben für einen der besten Rotweine am Ätna liefern. Die Voraussetzungen dafür sind gut, steht doch hinter dem Projekt jenes Weingut, das seit 15 Jahren mit geradezu unerschöpflicher Energie und Dynamik zeigt, was in Sizilien möglich ist, wenn man nur will: Cusumano.

„Wir hatten die seltene Gelegenheit, am Ätna 15 Hektar zu erwerben“, sagt Diego Cusumano, der das Familienweingut zusammen mit seinem Bruder Alberto leitet, „davon allein sieben Hektar in der Lage Guardiola. Dieses Terroir ist absolut einzigartig, geradezu extra-terrestrisch.“ Und – so muss man hinzufügen, um zu verstehen, warum dieser Rebberg so wichtig ist – Guardiola ist ein Musterbeispiel für das von Cusumano verfolgte Cru-Konzept, wonach jeder Wein seine Herkunft, sein Terroir, so gut wie möglich zum Ausdruck bringen soll. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Guardiola das Juwel in der schon bisher nicht gerade glanzlosen Krone der Cusumano-Weingärten werden wird, die über ganz Sizilien verstreut sind.

Rasante Entwicklung am Ätna
Nach einer langen Phase, in der die Weine vom Ätna nicht mit hoher Qualität identifiziert wurden, setzte vor etwa 20 Jahren eine Entwicklung ein, die sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren enorm beschleunigte: Ambitionierte, jüngere, nach internationalem Qualitätsnivau strebende Winzer aus allen Regionen Siziliens gingen daran, das vorhandene, aber lange Zeit wenig genutzte Potenzial der Böden auszuschöpfen. Alte Weingärten wurden revitalisiert, neue ausgepflanzt, Qualitätsdenken und moderne Management-Methoden hielten Einzug. Manche sagen, seit der Jahrtausendwende hätte sich am Ätna mehr getan als in den 200 Jahren zuvor.

Mit dem neuen Denken kam auch der burgundische Cru-Gedanke an den Vulkan. Die Idee setzte sich fest, Weine aus den besten Lagen separat abzufüllen. Sodass die am Ätna traditionellen, heimischen Sorten Carricante (weiß) und Nerello Mascalese (rot) aufgrund der Einzellagen-Abfüllung viele verschiedene individuelle Interpretationen und Ausprägungen erfahren – wie Chardonnay und Pinot Noir in Burgund. Auch Diego und Alberto Cusumano sind von diesem Konzept überzeugt: deshalb Guardiola.

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